Die Fortbestandsprognose als wesentliches Instrument in Sanierungsprozessen

6. September 2011 Kommentieren Kommentare Kategorien: M&A und Restrukturierung

Die Anforderungen an Unternehmen in Krisensituationen haben vor allem von Seiten der Kapitalgeber zugenommen. Die Erstellung der Fortbestehensprognose ist nicht nur vom Gesetzgeber vorgeschrieben, sondern dient in der Praxis auch als Basis für die weiteren Verhandlungen mit Kapitalgebern (z.B. Banken) in Sanierungsprozessen.

Im Zuge der Finanzkrise ist eine Vielzahl von Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage geraten. Obwohl viele Unternehmen mittlerweile wieder von der verbesserten Marktsituation profitieren, kommt es bei manchen Firmen nach wie vor zu Liquiditätsengpässen (z.B. aus der Refinanzierung von Darlehen) oder Insolvenztatbeständen.

Ein wichtiges Instrument ist die Fortbestehensprognose, zu deren Erstellung die Vertreter einer österreichischen Kapitalgesellschaft schon im Zuge der gesetzlichen Anforderungen (IO) verpflichtet sind. Diese ist aber nicht nur z.B. als Basis für die Erstellung des Jahresabschlusses notwendig, sondern wird oftmals auch als Grundlage für Sanierungskonzepte, strategische Maßnahmen und für spätere Verhandlungen mit den Gläubigern herangezogen.

Rechtliche Grundlagen

Ist eine Kapitalgesellschaft zahlungsunfähig oder insolvenzrechtlich überschuldet, so ist die Geschäftsführung / der Vorstand gemäß § 69 IO verpflichtet, ohne schuldhaftes Zögern, jedenfalls innerhalb von 60 Tagen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit oder der insolvenzrechtlichen Überschuldung einen Konkursantrag zu stellen.

Die Insolvenzrechtliche Überschuldung ist gegeben, wenn

  • das nach Liquidationswerten zu bewertende Vermögen des Schuldners zur Befriedigung der Gläubiger im Liquidationsfall nicht ausreicht, und
  • eine negative Fortbestehensprognose vorliegt

Dies bedeutet, dass unabhängig vom Vermögensstatus der Kapitalgesellschaft die Lebensfähigkeit der Gesellschaft geprüft wird. Auch bei einem negativen Vermögensstatus kann damit der Tatbestand der insolvenzrechtlichen Überschuldung durch eine positive Fortbestehensprognose abgewendet werden. Die Vorgehensweise ist in der „Gemeinsamen Stellungnahme zur Fortbestehensprognose“ erläutert und wurde von der Wirtschaftskammer Österreich und der Kammer der Wirtschaftstreuhänder im Jänner 2006 herausgegeben.

Zusammenfassung der wesentlichen Punkte der Fortbestehensprognose

Die Fortbestehensprognose ist gemäß § 67 IO von juristischen Personen, Handelsgesellschaften (Personengesellschaften), bei denen kein persönlich haftender Gesellschafter eine natürliche Person ist, sowie Verlassenschaften zu erstellen. Wichtig ist, dass auch in Konzernen auf die Einzelgesellschaften abgestellt wird.

Das Fortbestehen eines Unternehmens erscheint insbesondere in folgenden Fällen zweifelhaft:

  • Negatives Eigenkapital im (Entwurf des letzten) Jahresabschlusses
  • Verlust des halben Nennkapitals, bei anhaltend negativen Ergebnissen
  • Handfeste Krisensymptome, die eine weitere Verschlechterung der Unternehmenssituation erwarten lassen müssen und bei anhaltend negativen Ergebnissen zu einem Aufzehren des Eigenkapitals im nächsten Jahr führen können.

Folgende Aspekte sind zu beachten:

  • Vom Ersteller ist eine Aussage darüber zu treffen, ob mit überwiegender Wahrscheinlichkeit die geschäftlichen Aktivitäten bei Einhaltung der Zahlungsverpflichtungen fortgeführt werden können. Dabei ist im Zuge der Primärprognose die Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit (Zeitraum 6 Monate bis 1 Jahr) und im Zuge der Sekundärprognose die langfristig positive Entwicklung (Zeitraum über 1 Jahr) nachzuweisen, wobei beide Prognosen von gleicher Wichtigkeit sind.
  • Die Erstellung der Prognose sollte zu Dokumentationszwecken in schriftlicher Form erfolgen und stichhaltig begründet sein, um im Fall einer späteren Überprüfung (z.B: Haftungsprozess) den rechtlichen Anforderungen standhalten zu können. Obwohl die Fortbestehensprognose grundsätzlich vom Unternehmen zu erstellen ist, werden oftmals externe Experten (vielfach auf Wunsch der Gläubiger) beigezogen, um die Glaubwürdigkeit des Business Plans zu erhöhen. Zudem ist mit einer hohen zeitlichen Inanspruchnahme (2-4 Wochen) für die Erstellung des Business Plans und der Dokumentation zu rechnen.
  • Weiters ist auf die Wahrscheinlichkeit Bezug zu nehmen, wobei auf Basis realistischer Einschätzungen von „zumindest überwiegender Wahrscheinlichkeit“, d.h. mehr als 50%, auszugehen ist.
  • Sanierungsmaßnahmen sowie Finanzierungskonzepte sind nur dann einzubeziehen, wenn sie hinreichend konkret geplant und verwirklichbar erscheinen.

Form, Aufbau und Umfang

Der Inhalt sollte im Wesentlichen folgendes umfassen:

  • Analyse des Unternehmensstatus und Lagebeurteilung (Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage);
  • Gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen und Branchenanalyse;
  • Krisenursachenanalyse (z.B. Liquiditätskrise, Erfolgskrise, strategische Krise);
  • Darstellung der Primärprognose (Finanzplan mit Erläuterungen);
  • Darstellung der Sekundärprognose (Sanierungskonzept und daraus resultierende Planungsrechnung unter Berücksichtigung allfälliger Finanzierungsmaßnahmen mit Erläuterungen);
  • Prognoseergebnis

Der Umfang hängt von den Besonderheiten des jeweiligen Unternehmens ab und kann je nach Größe und Spezifika von einer Zusammenfassung über wenige Seiten mit kurzer Begründung bis zu einem umfangreichen Sachverständigengutachten reichen. In der Regel wird ein detaillierter integrierter Business Plan – insbesondere vor Verhandlung über konkrete Sanierungskonzepte – von den Kapitalgebern gefordert und geprüft, wobei der Detaillierungsgrad der Dokumentation in den letzten Jahren stark zugenommen hat.

Auch nach Erstellung einer positiven Prognose ist ein laufender Vergleich (z.B. viertel- oder halbjährlich) der aktuellen Daten mit den in der Prognose hinterlegten Maßnahmen und Zielen durchzuführen und wird immer öfter von den Gläubigern eingefordert. Der Abweichungsanalyse kommt dabei ein großer Stellenwert zu, bei gravierenden Abweichungen muss die Prognose hinterfragt und gegebenenfalls neu erstellt werden.

Die Erfahrung aus einer Vielzahl von Restrukturierungsprojekten, die Deloitte begleitet hat, zeigt, dass ein fundierter Business Plan nicht nur von zentraler Bedeutung für die Fortbestehensprognose ist. Dieser stellt für das Management zudem auch die Basis für operative oder strategische Maßnahmen im Unternehmen dar und bildet die Grundlage für Gespräche mit Kapitalgebern im Zuge der Sanierung / Restrukturierung.

Thomas Lahmer

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